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Gernot Lauffer
Der Spaß an der Freud’
Es gibt Verschiedenes, das gemeinhin unter ‚Freude’ firmiert, worunter der Spaß die verbreitetste Form ist. Heutzutage hat man immer weniger Freude, sondern in erster Linie Spaß. Spaß ist eine augenblickliche, oberflächliche Belustigung und findet offenbar ihren Höhepunkt im ›Spaß an der Freud’‹. Mit dem Spaß an der Freud’ wird der Spaß entgegenständlicht, er beschreibt eine Augenblicksbelustigung an einem tieferen, längeren Gefühl, vielleicht vergleichbar mit Begeisterung an der Lust oder vielleicht auch der Lust auf Begeisterung. Die Freude am Spaß kommt ja seltener vor, aber warum soll man am Spaß keine Freude haben? Wenn er sich beispielsweise immer wieder einstellt, ein Dauerbrenner des Spaßes gewissermaßen oder eine Abfolge von Späßen, wie sie Spaßmacher gerne bieten?
Vielleicht tritt diese Freude am Spaß auch dann auf, wenn sich Eltern freuen, dass ihre Kleinen quietschvergnügt Spaß beim Spielen haben. Oder haben die Kleinen doch eher Freude daran, sich in ein Spiel zu versenken, in ihm selbstvergessen aufzugehen, für einige Zeit zumindest?
Freude ist das Stammwort zu froh, ich bin voll froher Erwartung, wenn ich mich auf etwas freue, die Vorfreude genieße sozusagen. Mich auf etwas spaßen kann ich nicht, ich kann es nur tun, ich spaße, dann bin ich ein Spaßmacher des Augenblicks, der zur Belustigung anderer beiträgt. Und der wahrscheinlich auch seinen Spaß daran hat oder gar seine Freude, andere mit Späßen zu beschenken. Wenn ich mich freue, bin ich kein Freudemacher. Ich kann natürlich jemand anderem eine Freude machen bzw. bereiten und mich auch darüber freuen, dann bin ich aber weder ein Freudist noch ein Freuer und schon gar kein Freudianer. Auch das Wort ‚Freudemacher’ gibt es nicht so recht. Das Machen und Empfangen von Freude scheint also komplizierter zu sein als das von Spaß, sodass die Spaßmacher und -genießer stark zuzunehmen scheinen. Spaß scheint eine Art verderbliches Konsumgut zu sein, eines mit kurzer Ablauffrist. Er muss schnell erneuert oder ersetzt werden, er braucht immer Nachschub, sonst kommen schnell Langeweile und Leere auf in der aufgeheizten Situation.
Man kann auch den Spaß zu weit treiben oder gar übertreiben, nicht aber die Freude, die einem ein Freudenspender bereitet. ‚Treib die Freude nicht zu weit’ ist ein unmöglicher Befehl. Spaß scheint also etwas Künstliches zu sein, etwas Aufgesetztes und auch Verderbliches, da hört der Spaß aber schnell auf.
Verlieren aber kann man hingegen die Freude, die einem sehr leicht verdorben wird. Trotzdem sagt keiner: „Da hört die Freud’ aber auf!“ was man sehr wohl vom Spaß sagt. Der Spaß ist also auch ein oberflächliches Maß dessen, was zu- und unzulässig ist. Er hat wohl etwas Flirrendes und Frivoles an sich, er scheint schnell an die Grenze seiner Erträglichkeit zu gelangen, wie billiger Scherz, der schnell unerträglich wird.
Ist die Freude also etwas Edleres, Wertvolleres, Wichtigeres? Ist die Freude eine individuelle, eine zutiefst innere Regung jedes Einzelnen und der Spaß eher der allgemeine oberflächliche Begleiter? Zeigt der Spaß mehr unsere Verführbarkeit, ist er ein Ausdruck unseres Gruppen- oder Massenverhaltens? Ist der Spaß eine Reaktion auf Attraktionen des Augenblicks und drückt sich in der Freude unsere Eigentlichkeit aus? Den Spaß habe ich am Glücksspielautomaten, und wenn’s mir dabei gut geht, empfinde ich vielleicht Lebensfreude.
Es hat sich ein Konsumzusammenhang entwickelt, in dem viele leichte Belustigungen unmittelbar und auch billig abrufbar sind. Das Fernsehen liefert für jeden Geschmack und jedes Niveau Anregendes und Erbauliches, von anspruchsvoller Bedürfnisbefriedigung auf arte, phoenix und so bis zum einfachsten Klamauk à la Musikantenstadl. Der Aufwand, der eigene Beitrag ist im Augenblick jeweils minimal, wenn es eben nur zusagt. Vielleicht hatte der arte-Konsument vorher einen größeren Aufwand, die nötigen Vorkenntnisse zu erwerben. Er hat also eine aufwendigere Lust-Unlust-Rechnung. Für Musikantenstadl o. Ä. braucht man keine Vorleistungen und -übungen, um sich auszukennen, um daran Spaß zu haben, wenn man hat, und vielleicht hat auch dieser Konsument seine Freude daran, weil er sich wiederfindet, bestätigt sieht in seinem ästhetischen Empfinden, und dabei hat er noch den einen oder anderen Spaß des Augenblicks.
Also hat er Spaß nicht an, sondern in der Freud’. Ein Konzert auf z. B. arte bietet vermutlich wenige Spaßfaktoren, da wird selten gewitzelt und es tritt fast nie ein Musik-Clown auf, der Konsument befindet sich möglicherweise in einem Dauerzustand positiver Berührtheit, die man vielleicht als ‚tief empfundene Freude’ bezeichnen könnte. Die Subtilität des Kunstgenusses beruht sicher auch auf den Mühen der Aneignung des ästhetischen Kanons. Der Spaßfaktor geht dabei vermutlich gegen Null, die Freude am Kunstgenuss hingegen ist möglicherweise erhebend, entführt den Bezieher und Genießer in andere Sphären, in denen er sich ‚ganzheitlich’ aufgehoben fühlt, sich verstanden fühlt in seiner Wesensheit, in seinem gehobenen So-Sein jenseits der Spaßerlebnisse des Alltags.
Aber der Fußballfan, dessen Mannschaft aufgestiegen ist, vielleicht in höchstmögliche Höhen, hat er seinen Spaß daran oder doch seine Freude? Vermittelt ihm sein Eingebundensein in den Fußball-‚Stamm’ als Teil des Kollektivs jetzt Spaß am Erfolg oder doch schon existenzielle Freude? Ist er nicht genauso erhoben, fühlt er sich nicht genauso existenziell verstanden, ja bestätigt wie der Konzertkonsument, von Freude erfüllt über den ‚prinzipiellen’ Erfolg, die Erfüllung (all) seiner Gruppen-Wünsche und -Träume, seiner Höhen-Sehnsucht als Teil einer Gemeinschaft? Und beide Formen des Empfindens von Freude, im Konzert wie im Stadion, können durchaus auch in einer Person auftreten, obwohl sie doch so grundverschiedene Wurzeln haben. Gerade bei der Freude am Fußball scheinen die (männlichen Geschlechts-) Hormone die treibende Kraft zu sein. Musikantenstadlfans wird man kaum in Konzertsälen finden, Fußballanhänger sehr wohl, allerdings sind weibliche seltener.
Das Empfinden von Freude hat also (auch) mit Hormonen zu tun, besonders die Freude am anderen (oder eigenen) Geschlecht ist jenseits des Spaßes, den man an- und miteinander hat ein ganz wesentliches, weil natürliches Element unseres Freudeempfindens.
Die Freude, das Sich-Erfreuen, ist uns also eingepflanzt und ein Grundelement unseres Empfindungshaushalts. Seine ‚Konstruktion’ wird wohl nicht nur ererbt sein. Es gibt glückliche Naturen, deren Freudeproduktion und -empfinden erfolgreich ist. Und da gibt es solche, die gerne so glücklich wären wie die Glücklichen, wenn diese angeblich unglücklich sind. Die Freudeproduktion ist also recht ungerecht äußerst ungleich verteilt. Es geht ja auch um die Fähigkeit, Freude zu empfinden, um notfalls einen Ausgleich für Unerfreuliches herzustellen. Diese Fähigkeit, selbst in der misslichsten Situation Freude haben, empfinden zu können, ist wichtig für das Überleben. Fällt die Bilanz immer negativ aus und können auch Tag- und Nachtträume die trostlose Bilanz nicht aufbessern, kommt keine Hoffnung mehr auf, macht der absolut Freudlose aus Aussichtslosigkeit oft Schluss mit seiner so schlecht bilanzierenden Existenz.
Es gibt also die Naturfreudlosen aus einem Konstruktions- und Prägungsfehler heraus und dann die, die in völlig unerträgliche Situationen gerieten wie in NS-Konzentrationslager oder SU-Gulags. Diese Menschen hatten bestenfalls nur mehr hoffende Illusionen, positive Projektionen, die sie aufrecht hielten.
Im Gegensatz zur andauernden Abwesenheit von Freude dürfte es hingegen die reine Dauerfreude nicht geben. Immer Ferien ist genauso öd wie immer Torte. Wahre Freude funktioniert wohl eher nach dem Bergsteigerprinzip. Ohne Mühe kein freudiger Erfolg, da wären wir wieder beim Konzertbesucher, aber am Berg gilt noch viel mehr, dass der Weg das Ziel sei. Ein Weg voll zielstrebiger Erwartung, das Hinarbeiten auf die Erfüllung muss gar nicht so besonders freudig sein, ist aber ein wichtiger, ist der wichtige Teil des Bergsteigens, bei dem der Gipfelsieg vergleichsweise kurz ist und das Angenehme eher aus einem Nachlassen von Mühe und Schmerz besteht. So lange und intensiv kann man sich meist gar nicht freuen am Gipfel, wie die Beschwernisse des Aufstiegs gedauert hatten. Der Aufstieg ist lang, der ‚Spaß’ des Gipfelsiegs ist kurz, und alles zusammen nennt sich die Freude am Bergsteigen.
Vor die Freude haben die Götter also den Schweiß gestellt?
Es gibt wohl auch andere Freuden, die nicht unbedingt mit großen Investitionen und nachlassendem Schmerz zu tun haben. Die Freude an einer Blumenwiese ist weitgehend frei von Vorleistungen. Soll keiner sagen, er hätte Spaß an Blumen oder an einer schönen Aussicht, obwohl man in einer Blumenwiese jede Menge Spaß haben kann. Wenn sich ein Paar spontan in der Blumenwiese vergnügt, dann wird der Spaß wohl vorherrschen, wenn auch eine gewisse natürliche Freude an der Geschlechtlichkeit nicht von der Hand zu weisen ist. Wird aus der Spontanbelustigung eine festere Beziehung, dann wird die Freude aneinander vielleicht zunehmen bei mehr oder weniger Anhalten des Spaßes. Die Freude aneinander könnte man die der Kreatur eigene, die kreatürliche Freude, nennen. Als Gott diese Kreatur erschaffen haben soll, soll er sich ja auch gefreut haben über seine gelungene Schöpfung. Hatte er, empfand er ‚kreatürliche Freude’? Nix Genaues weiß man nicht, da er aber eine menschliche Widerspiegelung ist, eine Projektion, so wird sich seine Freude nicht wesentlich unterscheiden von der Freude, die Eltern an ihren Kindern haben. Woran der liebe Gott allerdings Spaß haben könnte, wird nicht berichtet.
Spaß hat vielleicht zu tun mit lustig zu sein, mit einer Art lustbesetztem Vergnügen. Gehört ‚Lust’empfinden auch zur Freude oder sind das zwei verschiedene Paar Schuhe? Die Lustbarkeiten geschlechtlicher Beziehungen, gehören die zum Spaß oder zur Freude? Oder sind sie gar das eine im anderen? Ob die Tiere beim Coitus Spaß oder Freude empfinden, ist nicht recht klar, das Tierreich ist ja auch recht vielfältig. Bei den niederen Tieren wird der Lustlevel eher nieder sein, bei den Primaten, den Bonobos z. B., höher. Beim Menschen bestehen keine Zweifel. Da er von der animalischen Unbewusstheit wenigstens teilbefreit ist, ist Lust für die Fortpflanzung ein notwendiger Antrieb, Einsicht und Vernunft wären vermutlich dafür untauglich. Ohne kreatürliche hormonbedingte Freude der Geschlechtspartner aneinander würden sie sich kaum verbinden zur Ehe oder sonst einer Gemeinschaft, bei der vor allem die zu zeugenden Kinder die Nutznießer sein sollen. Inzwischen haben sich auch diese natürlichen Zusammenhänge der Fortpflanzung weitgehend aufgelöst, die AlleinerzieherInnen nehmen zu und die Homosexuellenehe scheint Punkt 1 der Tagesordnung des Beziehungsthemas zu sein.
Der Mensch befreit sich aus den letzten Zwängen der natürlichen Freudeproduktion und stirbt aus, der abendländische Mensch zumindest, dem es gelungen ist, sich aus der freudvollen Zwangssteuerung der Reproduktion zu befreien. Wir haben unsere natürliche/kreatürliche Freude in eine ausgegebene verschoben. Das, was ausgegeben wird, deklariert, macht uns Freude in der Erfüllung der Normen. Das hat der Mensch immer schon gut gekonnt, sich von seinen ‚natürlichen’ Interessen zu abstrahieren und diese durch Gedankenkonstruktionen zu ersetzen. Frühe Modelle sind selbstkasteiende, enthaltsame Klosterinsassen und -innen, die sich lieber Gott als ihren natürlichen Bedürfnissen hingeben, wie groß ist doch die Freude, Gott nahe zu sein, gemessen an den natürlichen Freuden!
Die Fähigkeit, Freude an Hirngespinsten zu haben und damit die seiner Eigentlichkeit zu ersetzen oder zu verdrängen, ist eine große Abstraktionsleistung des Menschen. Gott hat uns so erschaffen, damit wir ihn uns ausdenken, erschaffen können. Das ist doch eine gute Leistung aus einer freudigen Erregung heraus. Kein Tier bringt das zusammen, wir sind wirklich die Krone der Schöpfung, wir sind sogar in der Lage, uns aus künstlicher Freude selbst abzuschalten. Eine echte Über-Drüberleistung!
Am Balkan soll es im frühen Mittelalter eine Sekte gegeben haben, die trieb den Wahnsinn der Freudentransformation auf die Spitze. Die ‚Schweinerei’ der Sexualität empfanden sie als gotteslästerlich, deshalb schwor die Gruppe Enthaltsamkeit. Da sie sich in ihrer Freudenverschiebung selbst nicht trauten, kastrierten sich die Männer. Ob sie wegen dieser jenseitigen Freude in den Himmel gekommen sind, ist ungewiss, dass sie ausgestorben sind, nicht.
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